Abschied von Papa

10.11.1989 – wir nähern uns der Bornholmer Brücke. Mein
Papa hatte Tränen in den Augen. Es waren ganz besondere Tränen. Denn niemand wusste
es besser als er, wie es sich anfühlt, etwas hinter sich zu lassen, um etwas Neues
zu beginnen. Wir gingen zu zweit zur Deutschen Bank. Es standen mehrere
100 Menschen davor, um sich das Begrüßungsgeld abzuholen. Als gelernter DDR-Bürger
stellte ich mich brav an das Ende der Schlange. Doch Papa machte das was er öfter machte, mit 2,3
gekonnten Haken lotste er uns zielsicher an den Anfang der Menschenmenge. Mir
war das damals megapeinlich. Doch hatte ich von meinem Papa die erste Lektion
in der neuen Welt gelernt. Du musst dich durchsetzen und die Ellenbogen ausfahren,
um deine Ziele zu erreichen.

Stunden später steigerte sich diese Erfahrung, als er mir half auf die Berliner Mauer zu klettern. Allein hätte ich dies nie gemacht. Doch Papa zögerte nicht, sondern half mir auf das Symbol der Abgeschottenheit zu klettern, dass inzwischen schon die ersten Löcher aufwies. Was für eine Symbolik. Als würde er sagen, schau mein Sohn, dies ist die neue Welt. Mach was draus. Als ich wieder herunterkam, diskutierten wir viel über den Tag und seine Stunden zuvor gemachten Aussage – „Das ist das Ende der DDR“, sagte er. Ich wollte es nicht wahrhaben, doch Papa sollte, geprägt durch die Kenntnis zweier unterschiedlicher Systeme, wieder einmal recht behalten.

Friedwald in Spiegelau
Friedwald in Spiegelau

Wir diskutierten in meiner Jugend viel und gern über Politik. Rückblickend kann man sagen, dass die Diskussionen trotz aller Kontroversen, damals weitgehend realistischer waren, als so manche Diskussion der anderen DDR-Bürger. Geblendet von der bunten Konsumwelt, die man sich täglich im Westfernsehen bewundern konnte, verlor so mancher die Sicht auf die wichtigen Dinge. Papa hat uns immer vor Augen geführt, dass der westliche
Teil Deutschlands kein Schlaraffenland ist, sondern auch dort hart gearbeitet werden
muss. Eine Eigenschaft die ich an ihm immer sehr gemocht hatte. Bescheidenheit,
Ehrlichkeit und eine gesunde Portion Realismus waren immer Fähigkeiten, die ich
an ihm geschätzt habe. Papa war ein Familienmensch liebte seine Frau und uns
Kinder sehr. Obwohl das Leben mit 3 Kindern nicht immer einfach war, gab er
sich immer wieder Mühe dies nicht zu zeigen. Doch als größtes Kind in der
Familie bekam ich schon früh Dinge mit, die nicht so gut liefen. Damals konnte
ich diese für mich nicht einordnen und so prägten mich auch diese Tatsachen.

Naturverbunden
Naturverbunden

Erst 40 Jahre später fasste ich in einer schwierigen Situation den Mut und sprach es zugegebenen Maßen unfair an. Als die Situation eskalierte, nahm mich Mama in den Arm und musste auch Papa trösten. Dieses Ereignis, änderte das Verhältnis zu Mama und Papa radikal. Wir freuten uns darauf einander zu sehen und waren froh, wenn wir trotz der Entfernung immer wieder zusammenfanden. Wenige Monate später begannen wir ein schönes Ritual zu pflegen. Ich telefonierte fast täglich mit Papa. Ja, meistens mit Papa, weil er der große Kommunikator in der Familie war. Eine Eigenschaft, die ich sehr an ihm bewunderte und immer in Gedanken behalten werde. Wenn wir unterwegs waren und er fremde Menschen begegnete, dann dauerte es nur wenige Minuten, bis er das Gespräch suchte und fand. Was dann folgte, waren lange Gespräche ohne Zeitlimit.
Und wer kennt sie nicht, sein Drang auf jeder noch so kleinen Zusammenkunft
eine Rede zu halten. Liebevoll nannten wir es unter uns, „die Rede ans Volk“.
Oft stand ich mit offenen Augen da und habe mir im Stillen gesagt, dass möchte
ich auch können.

Durch die Telefongespräche wuchs in 10 Jahren, eine
besondere Beziehung. Wenn es gut lief, freute er sich und wenn ich wortkarg
war, dann sorgte er sich. “Du kannst es ruhig sagen, wenn dir es nicht gut
geht”, war ein Satz, den er einmal zu mir gesagt hatte, als ich große Probleme
auf Arbeit hatte. Das hat mich sehr berührt. Saß er doch schon im Rollstuhl
und kämpfte jeden Tag nach seinem ersten Schlaganfall um ein Stückchen mehr
Lebensqualität. Und so saß ich eines Tages da, mit der Androhung einer
fristlosen Kündigung meines Arbeitgebers. Er hat es geahnt, dass etwas mächtig
schieflief. Da es am Ende auch um Probleme aus unserer Vergangenheit
ging, hatte ich nicht den Mut dies mit ihm zu besprechen. Und doch war dies ein
Zeichen für mich, dass es an der Zeit war, Änderungen anzugehen. So wie er es
selbst gemacht hätte. Mit viel Entschlusskraft neue Wege erobern.

Und so kam es dazu, dass ich meine Vergangenheit sich selbst überließ und mein Leben radikal zu ändern begann. So wie ich damals auf der Berliner Mauer stand, mit Hilfe der Hände meines Papas, stand ich nun auf der Mauer des Lebens und bin dankbar, dass es Papa war, der dabei immer an mich geglaubt hat. „Warum lachst du auf deinen Fotos immer so, war da die einfachste Frage“ in der jüngsten Vergangenheit. Leider hatte ich nie die Möglichkeit mich mit ihm richtig auszusprechen. Das schmerzt mich sehr. Doch Papa wäre nicht er selbst, wenn er auch das mit seinem unnachahmlichen Gespür für Menschen erahnte. In den ersten Tagen nach seinem Umzug nach Deggendorf
gingen wir an einem Sonnentag an die Donau. Und wir merkten beide, wie
glücklich wir über dieses Zusammensein waren. 3 Stunden nur für uns. Ach hätte
es noch viel mehr solche Situationen gegeben.

Auf dem Weihnachtsmarkt
Auf dem Weihnachtsmarkt

Als ich dann wieder mal zu Besuch war und es um die vielen Änderungen in meinem Leben ging, da ergriff er meine Hand, streichelte mich über den Kopf und sagte „Das machst du schon alles richtig mein Sohn“. Gern hätte ich ihm über die vielen Helfer erzählt, die
mich auf meinen neuen Weg begleitet haben oder noch begleiten. Doch dafür hat
die Zeit nicht mehr ausgereicht. Ich bin sehr dankbar, dass wir das in den letzten Jahren hinbekommen
haben. Danke Mama, dass du in den letzten Jahren auf so vieles verzichtet hast.
„Bis dass der Tod euch scheidet“ – Ein Satz, den ihr beide gelebt habt. Mach‘s
gut Papa. Ich liebe dich sehr.