Fake News – Ein Angriff auf die Meinungsfreiheit?

Es war der Oktober 1981. In der ARD lief eine eine neue Fernsehshow mit Rudi Carrell an. Der Hauptinhalt der Sendung bestand aus einer Parodie der Nachrichtensendung „Tagesschau“. In der Sendung verlas Carrell pointierte Nachrichten die durch gemixte reale Begebenheiten und Bildmontagen begleitet wurden. Im letzten Sendejahr 1987 erreichte die Sendung teilweise über 20 Millionen Zuschauer.

Fake-News - Neuer Name altes Leid
Fake-News – Neuer Name altes Leid

Beim Start der Sendung war die erste Internetseite noch 10 Jahre entfernt. Politische Gerüchte entstanden in Kneipen, Bars und Hinterstübchen der Bonner Politik.

In dem Zeitraum der Sendung, fielen im März 1983, die Berichte des Sterns über angeblich gefunde Hitler-Tagebücher. Dankbar griffen das die damaligen Medien auf. Doch jeder der  geschriebenen Artikel oder gesendeten Nachrichten, basierte auf einer großen Lüge des Herrn Kujau. Im vorletzten Jahr der „Rudis Tagesshow“ geschah 1986 das Atom-Unglück in Tschernobyl. Der Medienwissenschaftler Michael Haller, ließ nach dem Ereignis 171 Zeitungsartikel renommierter Deutscher Zeitungen durch 2 Physiker untersuchen. Neben fachlichen Fehlern, attestierte er den Redaktionen eine Reihe von Unwahrheiten.

News und Satiere

Aber kehren wir zurück zu den Fernsehmedien. Von 1993 bis 1998 lief im Fernsehsender RTL die Show „RTL-Samstag Nacht. Später folgten von 1996 bis 2002 auf dem Fernsehsender SAT-1 die „Wochenshow“. Bestandteil dieser Sendungen waren Sendeblöcke mit komödiantischen Bearbeitungen des Themas Politik. Heute führen dieses Konzept, die „heute-Show”, das „NEO-MAGAZINE-ROYALE“ und das Magazin „extra-3“ des Norddeutschen Rundfunks fort.

Ähnlich konzipiert, ist das im Internet erscheinende Magazin „Der Postillon“ inklusive des Youtube Ablegers „Postillion 24”. In einem Video vom 01.06.2016, geht es zum Beispiel um einen angeblichen Verkauf von BRD GmbH-Anteilen der USA. Der Beitrag ist natürlich Satire und zielt auf Menschen ab, die sich als „Reichsbürger“ bezeichnen. In keiner Weise ist es erkennbar, dass die Ausstrahlung künstlerischer Natur, in Form von Satire oder Comedy ist. Es sei denn, die Sendung oder das Internetmagazin, sind mir als Zuschauer bekannt.

Ja, er lebt noch!

Eine Klassiker in der Riege von Falschmeldungen, sind Berichte über angeblich Verstorbene.

  • 31 v. Chr. sei Kleopatra in der Schlacht vor Actium ums Leben gekommen. Der arme Gatte stürzt sich ins Schwert. Gestorben ist die Gute Frau dann am 10. August 30 v. Chr.
  • 1966  Paul McCartney sei bei einem Autounfall ums Leben gekommen (Campus-Zeitung der University of Michigan)
  • 19.12.1981 Angeblicher Berater von Lech Walesa, Tadeusz Mazowiecki († 28. Oktober 2013) im Gefängnis verstorben (AFP)
  • 29.04.1996 Die Nachrichtenagentur Itar-Tass berichtet über den Tod des neuen tschetschenischen Rebellenführers Selimchan Jandarbijew. († 13. Februar 2004)
  • 15.08.2005 Die Medien vermelden, dass ein Passagier des abgestürzten Fluges eine SMS mit dem Inhalt “ Die Piloten sind tot und wir erfrieren! Leb wohl“ gesendet hat. Der Absender war nie am Bord der Maschine (Stern)
  • 10.07.2015 Die Online-Ausgabe der Tageszeitung „Die Welt“ vermeldet den Tod von Altbundeskanzler Kohl. Der Altkanzler lebt noch heute.

Von der Unwahrheit zum Krieg

Aus der Vergangenheit, kennen wir auch noch ein weiteres Phänomen von Falschmeldungen. Sie dienen meist als Vorwand für völkerrechtswidrige Angriffskriege. Am 31. August 1939 wurde der Sender Gleiwitz unter der Leitung von Sturmbannführer Alfred Naujock überfallen.

Diese von den Nazis organisierte Aktion, sollte als Vorwand dienen, um mit den Polen einen Krieg zu beginnen. Wir alle kennen die Lügen aus der Berliner Krolloper vom 1. September 1939:

„Polen hat heute Nacht auf unserem eigenen Territorium auch mit bereits regulären Soldaten geschossen. Seit 5:45 Uhr wird jetzt zurückgeschossen. Und von nun an wird Bombe mit Bombe vergolten.“

Viele von uns werden sich noch an den 05. Februar 2003 erinnern. Im Rahmen einer Sitzung des

Irakischer Soldat
Irakischer Soldat

UNO-Sicherheitsrates zeigte der damalige Verteidigungsminister Colin Powell 3D-Computergrafiken und ein Röhrchen mit weißem Pulver. Letzteres enthielt vermeintlich  Antrax-Ereger. Diese „Beweise“ sollten den angeblichen Besitz von mobilen Massenvernichtungswaffen und die dazu benötigte Infrastruktur im Irak belegen. Am 20. März 2003 marschierten die USA und die sogenannte „Koalition der Willigen“ in den Irak ein, Ein Verstoß gegen die Resolutionen des UN in Bezug auf Massenvernichtungswaffen konnte den Irak nie nachgewiesen werden. Colin Powel bezeichnete im September 2005 seine damalige Täuschung der internationalen Öffentlichkeit als „Schandfleck meiner Karriere”.

Von hochgelobt bis verteufelt – Der US Wahlkampf in den sozialen Medien

Als der Präsident der USA Barack Obama im Jahr 2008 die erste Wahl gewann, waren sich die meisten Medien einig. Keiner hatte es zu diesen Zeitpunkt so gut verstanden, seine Wähler mittels der sozialen Medien zu vernetzen. Die dadurch generierten finanziellen Mittel, waren am Ende der Schlüssel zum Erfolg. 2012 wiederholte sich das Engagement nach ähnlichen Muster. Präsident Obama konnte dabei seinen Vorsprung bei der Nutzung der sozialen Medien reichlich ausbauen. 32 Millionen Facebook-Fans standen 12 Millionen des Kontrahenten Mitt Romney gegenüber. Bei Twitter sahen die Zahlen ähnlich aus. 21,7 zu 1,7 Millionen.

Was mit Obamas Konzept begann, setzte sich auch im Wahlkampf 2016 fort. Doch längst wurden auch die Schattenseiten dieser Strategie deutlich. Das Erreichen eines großen Nutzerkreises und der damit verbundenen Geschwindigkeitsvorteil in der Information, verführten zu einen manipulativen Verhalten. Mal war es der Papst, der Trump  unterstützte, ein anderes Mal waren es im Zuge der Mailaffäre der Bewerberin Clinton, Meldungen über die vollständige Übergabe des belastenden Materials.  Ein Gemisch von Un- und Halbwahrheiten kennzeichnete diesen Wahlkampf. Und als die halbe Welt erstaunt auf das Endergebnis der US-Wahl schaute, mussten auch noch russische Hacker als Begründung herhalten.

Wenn selbst der Duden dazu schweigt

Bisher haben wir auf die Verwendung des Wortes Fake News verzichtet. Der Duden kennt dieses „Kunstwort“ jedenfalls (noch) nicht. Doch plötzlich hört man dieses in jeder Nachrichtensendung.  Ist dieses durchgestylte Wort also ein neues Phänomen? Bei weitem nicht. Es gab sie schon immer – die Falschmeldungen. Sei es als Satire, aus Sensationsgier oder Geldquelle wie den Hitler-Tagebüchern. Es passierte in der Vergangenheit immer wieder, dass Menschen für tod erklärt worden waren, obwohl sie sich bester Gesundheit erfreuten. Und letztlich gab es Falschmeldungen, die einen klaren politischen Hintergrund hatten. Sei es um einen Krieg zu rechtfertigen oder um eine Wahl zu gewinnen.

Warum eigentlich, soll all dies, an den sozialen Medien vorbeigehen? Als es das Internet noch nicht gab, haben wir gelernt wie Fake News im Rahmen von Satire und Comedy oder aus einer gezielten Absicht jemanden zu schaden, produziert worden sind. Als dem Mensch mittels der sozialen Medien die Möglichkeit gegeben wurde, sich freier zu äußern als je zuvor, hat er dieses übernommen. Die Einen mit einen gewissen Maß an Verantwortung, die Anderen mit zügellosem Egoismus, um wem auch immer zu schaden.

Die deutsche Regierungskoalition, hat sich nach Aussage des Fraktionsvorsitzenden der CDU/CSU-Bundestagsfraktion Volker Kauder, auf umfassende Sanktionen gegenüber den Sozial-Media-Anbietern geeinigt. Wer innerhalb von 24 Stunden, auf eine Beschwerde nicht reagiert, muss harte Strafen befürchten. Man würde sich wünschen, bei den anderen Medien würde ähnlich verfahren werden. Jeder der sich wegen eines zu kritisierenden Artikels oder Sendeberichts schon einmal an die traditionellen Medien gewendet hat, kennt deren Reaktionszeit.

Großes Angebot an sozialen Medien
Großes Angebot an sozialen Medien

Herr Kauder merkte ebenfalls an, dass es „die Fairness im kommenden Bundestagswahlkampf“ zu erhalten gilt. Eine Aussage die aufhorchen lässt. Geht es am Ende nicht um das Medium an sich, sondern um die Sicherung des Meinungsmonopols unserer Politiker? Nutzt man die Gunst der Stunde und bläst das „Große Halali“ auf die lästigen Meinungskanäle wie Twitter und Facebook?

Äußerungen und Veröffentlichungen müssen unseren gesetzlichen Regelungen entsprechen. Hass und gezielte Unwahrheiten gehören dorthin, wo sie auch außerhalb der sozialen Medien hingehören – vor Gericht.

Doch es bleiben Fragen offen. Wer legt die Kriterien für Falschmeldungen fest? Wie verhindern wir, dass eine Art „Denunziantentum“ in den sozialen Medien Einzug hält? Eine Meldung und der Beitrag von einer ungeliebten Person ist erst einmal weg…

Versetzen wir uns doch mal in den deutschen Wahlkampf 2017. Stellen wir uns einmal vor, dass jede Äußerung von Volker Kauder, von einer Gruppe von Menschen, als Fake-News gemeldet wird. Der Anbieter würde doch vor der Wahl stehen, jeden Eintrag von Herrn Kauder zu überprüfen oder ihn auf eine Art „Whitelist“ zu setzen. Wollen wir das? Ein gesondertes Recht für Politiker?

Zusätzlich bleibt die Frage nach einem Ausstiegsszenario offen.Wie kann sich der zu Unrecht in den sozialen Medien gemeldete wehren? Er stünde derzeit nur vor der Möglichkeit, einen kräftezehrenden Rechtsstreit zu führen oder sein Recht auf freie Äußerung der Meinung selbst einschränken.

Jeder kann selbst etwas tun

Dieser ganze Aufwand wäre nicht nötig, wenn die Menschen die Falschmeldungen lesen und zunächst verifizieren würden. Eine Falschmeldung zu erkennen ist relativ leicht. Ist ein Link in der Meldung enthalten, klicke ich auf diesen. Erreiche ich dort nicht die erwartete Nachricht, schaue ich auf einer ähnlichen Seiten nach, ob diese Information dort auch gemeldet wird. Ist kein Link enthalten, recherchiere ich nach dem gemeldeten Bezug auf seriösen Seiten oder Accounts. Bezieht sich die Meldung auf einen Fernseh- oder Radiosender schalte ich diesen ein.

Es liegt jedoch in der Schnelligkeit des Internets und der Sensationslust der Menschen begründet,  dass diese Möglichkeiten nicht wahrgenommen werden. Auch hier haben wir Verbesserungsbedarf. Es geht also ganz ohne den Ruf nach Einschränkungen der Meinungsfreiheit. Und machen wir uns nichts vor, der Weg Meinungsäußerungen mittels einer Meldung an die Social-Media-Dienste zu blockieren, wird ein solcher sein.

 

Die Welt ist schön, wenn Du sie änderst!