Wir ticken nicht richtig! – Weg mit der Sommerzeit!

Es ist der 13. Oktober 1884. Im Zuge der Internationalen Meridian-Konferenz treffen in Washington D.C Abgesandte aus 25 Ländern eine weitreichende Entscheidung. Fortan unterteilen die Wissenschaftler, die Erde nicht nur mittels des Äquators, sondern qua standardisierter senkrechter Y-Achse, dem Nullmeridian. Dieser verläuft bis heute, durch die englische Ortschaft Greenwich. Erst durch diese Festlegung, wurde die Einführung von weltweiten Zeitzonen möglich.

Bis dahin besaß jede kleinere Stadt ihre eigene Zeit. In den deutschen Gebieten, zählte man noch in der Mitte des 19. Jahrhunderts über 60 verschiedene Ortszeiten. Begründet war dies in der unabänderlichen Tatsache, dass sich die Erde in 24 Stunden nur einmal um ihre eigene Achse dreht und das es zum  Zeitpunkt des höchsten Sonnenstandes 12.00 Uhr ist. Diese sogenannten Ortszeiten, verloren ihre Berechtigung, als die Menschen begannen sich mittels der technischen Revolution mobil fortzubewegen.

Wie sinnvoll ist die Sommerzeit?
Wie sinnvoll ist die Sommerzeit?

In erster Linie geschah dies durch die Bahn, die nach ihrer Einführung am 27. September 1825 ihren Siegeszug durch die Welt antrat. Fahrpläne waren mit dem damaligen Zeitverständnis nur schwer zu erstellen. Die Lösung lag in der Einführung von Zeitzonen. Als einer der Initiatoren von Zeitzonen gilt der in Kanada eingewanderte Schotte Sir Sandford Fleming. Noch vor der Meridian-Konferenz führten die USA und Kanada im Jahr 1883 Zeitzonen ein.

Zum 1. April 1893, wurden die Ortszeiten im damaligen Deutschen Reich, durch eine vom Kaiser Wilhelm den II. erlassene Verordnung vereinheitlicht.

„Die gesetzliche Zeit in Deutschland ist die mittlere Sonnenzeit des 15. Längengrades östlich von Greewich“.

Diese Errungenschaft hielt gerade einmal 23 Jahre. Der Kaiser war im Kriege und benötigte neben wirtschaftliche Ressourcen die Arbeitskraft der Untertanen. Die erste Sommerzeit in der Geschichte der Menschheit wurde eingeführt.

„Der 1. Mai 1916 beginnt am 30. April 1916 nachmittags elf Uhr nach der gegenwärtigen Zeitrechnung. Der 30. September 1916 endet eine Stunde nach Mitternacht im Sinne dieser Verordnung.“

In den Folgejahren zogen weitere europäische Staaten nach. Doch der Krieg ging verloren. Mit der Abdankung des Kaisers am 09. November 1918 gingen nicht nur er selbst, sondern auch Verordnungen dieser Ära. Eine davon war die Sommerzeit. Jahre später griffen die Nationalsozialisten die Idee wieder auf. Am 1. April 1940 führten sie die Sommerzeit wieder ein und beließen es durch die „Verordnung über die Verlängerung der Sommerzeit“ gleich für die nächsten 2 Jahre dabei. Ab 1943 war die Idee der nicht mehr endenden Sommerzeit Geschichte. Die Uhren wurden im Herbst wieder auf die normale Mitteleuropäische Zeit umgestellt.

In den Nachkriegswirren gab es in Deutschland ein Sammelsurium von verschiedenen Zeiten. Während im westlichen Teil Deutschlands in den warmen Monaten die Sommerzeit bestand, zeigten die ostdeutschen Uhren die Mitteleuropäische Hochsommerzeit an. Die Uhren gingen dort wie im Land der Siegermacht.

Deutschland stellt sich um

Ab 1950 war es dann wieder einmal mit dem Umstellen der Uhren vorbei. Mit Beginn der ersten Ölkrise im Jahr 1973, gerieten die Industrieländer zunehmend unter wirtschaftlichen Druck. Die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen und die steigenden Ölpreise führten zu einer Reihe kreativer Ideen der Politiker. Neben autofreien Sonntagen, einem Tempolimit auf Autobahnen, griff man die Idee des Zeitumstellens wieder auf.

Die Weltzeituhr am Berliner Alexanderplatz
Die Weltzeituhr am Berliner Alexanderplatz

Außer den als erstes beginnenden Franzosen, waren es ab 1977 11 weitere europäische Länder die die Sommerzeit gesetzlich verankerten. Unter diesen Nationen war auch das damalige sozialistische Polen. In der Bundesrepublik wartete man noch auf eine Reaktion der DDR. Damals wollte die Bundesregierung keine verschiedenen Zeitzonen im geteilten Deutschland. Nachdem die DDR beabsichtigte ab 1980 mit der Sommerzeit zu starten, zog die Bundesrepublik Deutschland mittels einer Verordnung nach. Interessant in diesem Zusammenhang, sind die Argumente des Innenministeriums der Bundesrepublik vom 25.10.1979. In einer kleinen Anfrage von Bundestagsabgeordneten hieß es:

„Nach einer Untersuchung der Forschungsstelle für Energiewirtschaft, München, aus dem Jahre 1974 sind ca. 3,1 v. H. des Stromverbrauchs von der Tageshelle abhängig. Das Gutachten kommt zu der Einschätzung, dass bei Einführung der Sommerzeit für die Monate Mai bis August eine Einsparung von rd. 0,15 v. H. des Stromverbrauchs, also rd. 150 000 t Steinkohleeinheiten, und für die Monate Juni bis September eine Einsparung von rd. 0,02 v. H. des Stromverbrauchs, also rd. 20 000 t Steinkohleeinheiten, erreicht werden kann. Wenn auch der direkte Einspareffekt danach nur gering sein dürfte, könnte doch von der Einführung der Sommerzeit ein gewisser Signaleffekt ausgehen.

Das heißt im Prinzip, bereits vor der Einführung der Sommerzeit gingen die Verantwortlichen in der Bundesrepublik davon aus, dass die gehofften Einsparungen im Energiebereich, sich in engen Grenzen halten. Dies sah man wohl auch in der DDR so. Am 28.10.1980 ließ man der erstaunten Öffentlichkeit wissen, dass die Sommerzeit „keine Vorteile“ gebracht habe und entgegen der Erwartungen, eher außerplanmäßige Ausgaben entstanden wären. Diese Entscheidung nahm man zwar 2 Monate später aus politischen Gründen zurück, doch die Aussage war eindeutig.

Es gibt keine Winterzeit!

Die wahre Winterzeit
Die wahre Winterzeit

Wir haben das Jahr 2016. 36 Jahre lang stellen wir nun schon die Uhren im Frühling eine Stunde vor, um es im Herbst genau in die entgegengesetzte Richtung zu tun. Wir benötigen keine Kriegsproduktion wie in der Mitte des 20. Jahrhunderts. Wir haben keine Ölkrise wie 1973 oder 1980. Was also bewegt uns, unseren Tagesablauf zweimal im Jahr so drastisch zu ändern? Beginnen wir doch einmal mit einer weit verbreiteten Unwahrheit. Wenn zum Ende des Monats Oktober die Uhren zurück gestellt sind, dann wird unter Berücksichtigung der Meridianabweichungen, um 12.00 Uhr der höchste Sonnenstand erreicht. Wer auch immer das Wort „Winterzeit“ im Zusammenhang mit verstellten Uhren verwendet, trifft eine falsche Aussage. Diese dient der Verschleierung der Tatsache, dass einzig und allein die Normalzeit gemeint ist.

Für die Sommerzeit gibt es de facto nur 3 Argumente. Das längere Tageslicht am Abend, Stromeinsparungen und eine Anpassung der Zeit an die Regelungen der Nachbarstaaten. Wenden wir uns dem ersten Argument zu. Stellen sie sich einmal vor, es gäbe die Sommerzeit nicht und sie sagen ihrem Kind es soll 6 Monate lang eine Stunde eher zur Schule gehen. Wie würde es reagieren? Wird ihm die Aussicht, auf eine Stunde längere Spielzeit im Tageslicht, dass frühe Aufstehen versüßen? Sie würden es schwer haben, diesen Umstand zu erklären und letzten Endes darauf verzichten. Ja es ist immer schön, wenn es draußen länger hell ist. Doch wem nutzt der um eine Stunde verlängerte Abend, wenn man dafür 60 Minuten eher aufstehen muss?

Keine stichhaltigen Argumente

Wer monatlich seinen Strom abließt, wird es längst bemerkt haben. In den Sommermonaten sinkt der Stromverbrauch. Doch dies ist nicht das Resultat der Sommerzeit, sondern einzig und allein der Effekt, dass es im Sommer länger hell und warm ist. Die Fachleute vom Bundesverband der Wasser und Energiewirtschaft (BDEW) sahen das im März 2010 in einer Presseerklärung wie folgt:

„1980 sei die Sommerzeit bundesweit mit dem Ziel eingeführt worden, das Tageslicht besser zu nutzen, um so Energie zu sparen. Dies sei jedoch nicht der Fall. Nach Angaben des BDEW wird zwar an den hellen Sommerabenden weniger Strom für Licht verbraucht, dafür aber mehr Strom bei abendlichen Freizeitaktivitäten benötigt. Dadurch könne sogar insgesamt mehr Energie verbraucht werden, da der Anteil des Lichts am Stromverbrauch der rund 40 Millionen deutschen Haushalte durchschnittlich nur rund acht Prozent ausmache.“

Mit der EU-„Verordnung zu Anforderungen an die umweltgerechte Gestaltung von Haushaltslampen“ aus dem Jahre 2009, kam zum September 2012 das endgültige Aus für die Glühlampe. Energiesparlampen sind seitdem ein fester Bestandteil in privaten Haushalten. Das Argument des Energiesparens mittels der Sommerzeit, gerät seitdem vollends ins Wanken. Blickt man auf das Jahr 1980 zurück, dann gab es damals noch keine Handys, Tablets und WLAN-Netze. Es gab nur den Fernseher und das UKW-Radio nicht den SMART-TV und das WLAN-Radio. Es gab nicht das High-Tech-Fahrzeug das mit Strom betrieben wird und die Softwareanwendungen in der Cloud. All diese technischen Errungenschaften benötigen Strom. Und dies völlig unabhängig von der Existenz einer „Kunstzeit“.

Quelle: DAK-Gesundheit/Forsa 2016
Quelle: DAK-Gesundheit/Forsa 2016

Das einzige Argument was den Befürwortern der Sommerzeit bleibt, ist die Befürchtung, dass unterschiedliche Regelungen in Europa, massive „Zeitprobleme“ schaffen würden. Das Schaffung eines Regelwerkes, für eine Zeitumstellung im eigenen Land, liegt in der Hoheit der einzelnen europäischen Staaten. Damit diese Gesetze harmonisiert werden, gibt es die „Richtlinie 2000/84/EG des Europäischen Parlaments und des Rates.“ Sie ist das Hauptursache für das störrische Festhalten an der Sommerzeit. Bemühungen diese Regelung zu Fall zu bringen, gab es einige. Doch die Lobbyisten der „Gleichmacherei“ sind stärker.

Abschaffen funktioniert

Es bedarf eigentlich keiner zusätzlichen Argumente um sich gegen die unnatürliche Zeitumstellung aussprechen. Es reicht, wenn die „Ja“-Sager entzaubert werden. Und doch gibt es sie. Der gestörte Biorhythmus des Menschen oder die Auswirkungen auf landwirtschaftliche Nutztiere. 2014 maß die Krankenkasse DAK Gesundheit, bei ihren Mitgliedern in den ersten Tagen nach der Zeitumstellung, eine Zunahme der Arbeitsunfähigkeit um 15 Prozent.

Die Sommerzeit ist zugleich ein Politikum. Als im Juli 2014 Russland das Experiment Sommerzeit endgültig beendete, da sprach die Welt, dass in Russland der „ewige Winter“ einziehe. Dabei war die Entscheidung modern und widersprach der menschlichen Versuchung, sich die Natur so zurechtzubiegen, wie der Mensch es gern möchte. Am 8. September dieses Jahres verabschiedete sich auch die Türkei, aus der Riege der Staaten, die die Sommerzeit als unabänderliches Gesetz begreifen. Der Ministerpräsident Binali Yildirim sprach richtungsweisend für sein Land:

„Ab diesem Jahr wird es keine Sommer- und Winterzeit mehr geben. Das haben wir aufgehoben. Es wird keine Verwirrung mehr geben. Sowohl im Sommer als auch im Winter wird die Zeit gleich sein.“

Springen wir über unseren Schatten! – Schaffen wir diesen, zweimal im Jahr stattfindenden Unsinn ab! Nehmen wir uns ausnahmsweise an den Türken und Russen ein Beispiel! Drei Viertel aller Deutschen wollen die Sommerzeit nicht und doch machen sie notgedrungen mit. Wir ticken doch nicht richtig! – Weg mit der Sommerzeit!

 

Die Welt ist schön, wenn Du sie änderst!