Wir sind nicht Charlie!

Vergangenen Sonntag zogen Millionen Menschen durch Frankreichs Straßen. Ausgelöst wurde die als Schweigemarsch gedachte Demonstration, durch einen Ausbruch von Gewalt am 07.01.2014. Drei Terroristen brachten 17 Menschen um, weil sie nach ihrer Meinung, die Gefühle religiöser Menschen verletzt sahen. Fast zur gleichen Zeit wurden in Nigerias Osten hunderte Menschen Opfer einer Organisation deren Übersetzung „Bücher sind Sünde“ heißt.

Während die Terroristen von Paris, mit dem Angriff auf die Redaktion „Charlie Hebdo“, eine mediale Flut von Bildern, Kommentaren und Live-Übertragungen entfachten, ging das Massaker an den Menschen und die Zerstörung ihrer Existenzen in Nigeria, fast unbemerkt an den Rest der Welt vorbei. Keine Sondersendung, keine Hauptmeldung in den Nachrichten, keine Meldung auf den Titelblättern der Zeitungen.

„Wes Brot ich ess, des Lied ich sing!“ – sagt ein Sprichwort. Frankreich ist ein Teil Europas. Darf dies aber dazu führen, dass wir Gewalt und Missbrauch von religiösen Ideen unterschiedlich gewichten? Als ich die Menschen in Frankreich und in aller Welt trauern sah, war dies sehr eindrucksvoll. Ich habe jedoch nicht ein einziges Plakat gesehen, dass an die Menschen in Nigeria erinnerte, die zur gleichen Zeit durch religiösen Wahn getötet wurden. – Nein, wir sind nicht Charlie.

Seit Wochen gehen Menschen in Deutschland auf die Straße, um auf Fehler in der Politik hinzuweisen. Zu einen dieser Themen habe ich bereits im Artikel „„Politisch verfolgt?!“ Stellung genommen. Mit Sorge beobachte ich die Demonstrationen der Pegida in Dresden und anderen Städten. Während mal eben 25.000 Demonstranten als Rechtsradikale und islamfeindlich hingestellt werden, sind diejenigen die meinen auf der anderen Seite zu stehen, die nach ihrer Auffassung, wahren Verteidiger der Demokratie.

61 Prozent der nichtmuslimischen Bevölkerung stimmen laut einer Studie der Bertelsmann Stiftung, der Aussage nicht zu, dass der Islam in die westliche Welt passt. Die Studie sagt aber auch aus, dass je mehr die Menschen miteinander kommunizieren die Vorbehalte kleiner werden.

Diese Aussage entspricht meinen Erfahrungen. Mitte dieser Woche hatte ich das Glück, während einer Taxifahrt einen afghanischen Fahrer kennenzulernen. Im Laufe des Gesprächs erfuhr ich das er 8 Sprachen spricht. Ich war fasziniert von dem Menschen und den Erzählungen zu den unterschiedlichen „Kriegsherren“. Es sind solche oder ähnliche Erlebnisse die verhindern, dass man Menschen nur wegen ihrer Religion oder deren Atheismus ablehnt.

Das schließt nicht aus, dass man sich kritisch gegenüber einer Weltanschauung äußern darf. Wer Demonstrationszüge blockiert und damit meint, dass seine Meinung einen höheren Stellenwert hat, als die des Menschen gegenüber – der ist nicht Charlie.

Eher macht sich dieser auf den Weg, sich über das Gesetzt zu stellen:

„Wer in der Absicht, nichtverbotene Versammlungen oder Aufzüge zu verhindern oder zu sprengen oder sonst ihre Durchführung zu vereiteln, Gewalttätigkeiten vornimmt oder androht oder grobe Störungen verursacht, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.“ §21 Versammlungsgesetz

In Zusammenhang mit den gegenwärtigen Demonstrationen werden die Medien immer wieder kritisiert. Wie jene in diesen Tagen funktionieren, zeigt die Umwidmung von Tatsachen. In Dresden wurde am 10.01.2015 dazu aufgerufen, unter den Thema „Für Dresden – Für Sachsen – für Weltoffenheit, Mitmenschlichkeit und Dialog“ zu demonstrieren. Es kamen 35.000 Menschen. Eine überwältigende und überzeugende Zahl. Doch schauen wir uns an, was in den Medien daraus wurde:

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Was für eine bemerkenswerte Übereinstimmung der Titel. Recherchieren sie ruhig im Aufruf. Sie werden das Wort „Anti-*****“ nicht finden. Kein Verständnis darf denen entgegengebracht werden, die die Sorge der Menschen ausnutzen um Ihre rechtsextremen Ansichten zu verbreiten. Da kann man sich getrost der Kanzlerin anschließen, die in Ihrer wöchentlichen Videobotschaft am 10.01.2015 sagte:

„Wo Hass und Vorurteile zu Hause sind, da werden wir auch keine guten Lösungen für uns alle finden“.

Recht hat sie die Kanzlerin. Was man von den Medien erwarten kann, ist eine ehrliche Auseinandersetzung mit den Problemen, Nöten und Ängsten die die Menschen unseres Landes haben. Mit medialer Macht alle Menschen über einen Kamm zu scheren, kann nicht richtig sein.

Schon seit dem Jahre 2005, als die ersten Karikaturen des Propheten Mohammed veröffentlicht wurden, habe ich mich gefragt, warum eine derartige Provokation notwendig ist. Wenn ich genau weiß, eine wie immer geartete Aussage, widerspricht einer Glaubensauffassung, dann veröffentliche ich diese nicht. Es ist aus meiner Sicht ein Balanceakt zwischen der Freiheit der Meinung und der Toleranz dem anderen gegenüber. Wir gehen tagtäglich im Leben solche Kompromisse ein. Warum nicht in diesem Punkt? Ende 2012 bewerteten die USA andere Karikaturen des Blattes als beleidigend. Der Regierungssprecher Jay Carney sagte damals:

„Wir stellen nicht das Recht infrage, so etwas zu publizieren; wir stellen nur die Weisheit hinter der Entscheidung infrage“!

Unsere freiheitlich demokratische Grundordnung garantiert die Teilnahme am politischen Leben. Nach Artikel 4 des Grundgesetzes ist die Freiheit des religiösen Glaubens und des weltanschaulichen Bekenntnisses in unserem Lande unverletzlich. Unverletzlich hat etwas mit verletzen zu tun. Wie sollten öfter daran denken. Wir sind nicht Charlie!

Meine Gedanken sind bei den Menschen die durch Terror, Hass und Leid ihr Leben verloren haben!

 

Die Welt ist schön, wenn Du sie änderst!