Wenn beten allein nicht hilft – Paris und ein zerbrechender Kontinent

Erst wenige Minuten waren die Anschläge vom Freitag bekannt, schon gab es in den sozialen Medien die ersten „Pray for Paris“ Aufrufe. Wenn man diesen Appell als Ausdruck seiner religiösen Identität begreift, dann ist daran nichts zu kritisieren. Schwierigkeiten habe ich eher damit, wenn dies als Floskel missbraucht wird.

Es ist der Mensch der tötet, es ist der Mensch der es ändern muss.

Wenn ich darüber nachdenke, was Menschen anderen Menschen angetan haben, erfüllt mich dies mit einer unendlichen Traurigkeit. Und dennoch müssen wir ehrlich zu uns selbst sein. Haben wir es nicht bisher als Naturgesetz genommen, dass Woche für Woche Menschen außerhalb von Europa aufgrund von Terrorakten sterben? Nun hat es innerhalb eines halben Jahres erneut mehrere Anschläge in Paris gegeben. Die Täter waren junge Menschen. Menschen die ein Teil der Gesellschaft waren. Sie sind darin aufgewachsen und haben als Lebensweisheit den Hass für sich gelebt. Den Hass gegenüber der Freiheit des Einzelnen und der Regeln und Gesetze unserer Gemeinschaft.

Realistisch gesehen, stellt sich daher die Frage, weshalb unsere Gesellschaft solch ein Denken hervorbringt? Ein Problem stellen sicher die sozialen Bedingungen dar. Doch diese möchte ich bewusst nicht bewerten. Mir geht es um die Sicht aufs Ganze. In ihrem Pressestatement am 14.11.2015 sagte die Bundeskanzlerin:

„Lassen Sie uns den Terroristen die Antwort geben, indem wir unsere Werte selbstbewusst leben und indem wir diese Werte für ganz Europa bekräftigen  jetzt mehr denn je.“

Europa und seine Werte
Europa und seine Werte

Doch was sind unsere Werte? Ein Blick in den Vertrag von „Lissabon zur Änderung des Vertrags über die Europäische Union und des Vertrags zur Gründung der Europäischen Gemeinschaft“ (Lissabon-Vertrag) hilft dabei. Dieses Abkommen von 27 Staaten, trat nach längeren Entscheidungsprozessen am 01. Dezember 2009 in Kraft und regelt im Artikel 2 das Selbstverständnis der Europäischen Union.

„Die Werte, auf die sich die Union gründet, sind die Achtung der Menschenwürde, Freiheit, Demokratie, Gleichheit, Rechtsstaatlichkeit und die Wahrung der Menschenrechte einschließlich der Rechte der Personen, die Minderheiten angehören. Diese Werte sind allen Mitgliedstaaten in einer Gesellschaft gemeinsam, die sich durch Pluralismus, Nichtdiskriminierung, Toleranz, Gerechtigkeit, Solidarität und die Gleichheit von Frauen und Männern auszeichnet“.

Schöne Sätze. Doch leben wir in Europa diese Werte? Am Beispiel der Flüchtlingsproblematik zeigt sich, dass einige Worte nur für „Schönwetterzeiten“ gemacht sind. Sie sind geeignet für Festtagsreden und geschichtsträchtige Erinnerungen. Halb Europa baut wieder Grenzzäune oder beabsichtigt diese in Kürze wieder aufzubauen. Viele Länder unseres Kontinents verweigern asylsuchenden Flüchtlingen die Aufnahme. Ist das Solidarität? Werden so Menschenrechte gewahrt?

Der Schriftstelle Josef Haslinger, der zugleich Präsident des PEN-Zentrums Deutschland (Schriftstellervereinigung) brachte es am 15. November gegenüber Deutschlandradio Kultur auf den Punkt:

„Weitestgehend gehört Europa der Vergangenheit an und es ist weitestgehend ein Traum gewesen, es war der Traum einer Schönwetterperiode“

Egoismus und nationales Denken bestimmen das nichtwirtschaftliche Handeln vieler europäischer Nationen.

Links- und Rechtspopulisten sind europaweit im Aufwind. Sie haben die Funktion der Kanalisierung des Protestes und sind zugleich Ausdruck von Ausgrenzung und Perspektivlosigkeit anderer Menschen. Teile von ihnen bilden die Saat für den Hass und Gewalt von Morgen. Die Zahl der Menschen, die von Europa aus für islamistische Gruppierungen in den Krieg ziehen, wächst von Monat zu Monat. Die Äußerungen der Veranstalter der PEGIDA Demonstrationen sind inzwischen vom Inhalt her unerträglich. Die Religion dient dabei den verschiedenen Gruppierungen einzig und allein als Vorwand.

Wir alle müssen uns den Tatsachen stellen, dass es eine Vielzahl von Menschen gibt, die Toleranz und Pluralismus nicht mehr zu schätzen wissen. Und dennoch – Ausgrenzen von Menschen die den Halt der Gesellschaft aus verschiedenen Gründen verloren haben oder denen verschiedene Lebensstile oder –interessen fremd sind, bringt überhaupt nichts. Ein Beispiel für diese Ausgrenzung kann man dem Handeln der Partei „Die Linke“ entnehmen. Während man den Wahlsieg des Wahlsieges Syriza hinreichend feierte, bezeichnet der stellvertretende Fraktionschef der Partei am 23.09.2015 ein Treffen des bayrischen Ministerpräsidenten mit dem ungarischen Regierungschef Victor Orban als:

„Das ist nicht nur geschichtsvergessen, sondern schlicht unwürdig.“

Die Begründung der Linken wurde natürlich mitgeliefert. „Wer die europäische Idee derart mit Füßen tritt, gehört geächtet und nicht empfangen.“

Beide Regierungen wurden demokratisch gewählt. Letztere sogar mit einer absoluten Mehrheit. Beurteilen sie selbst, ob diese Aussage den europäischen Werten entspricht! Es ist eine Frage des Umgangs und der fairen Auseinandersetzung mit denen die anderer Meinung sind.

Die beschriebenen Probleme, können nicht im geringsten, als eine Entschuldigung für die „neue Art von Krieg“ wie es Bundespräsident Gauck in seiner Rede zum Volkstrauertag bezeichnete gelten. Für Terror, Hass und Gewalt kann es keine geben. Es ist eher eine Aufforderung, sich der Werte der Europäischen Union zu besinnen.

Grenzkontrollen wieder einführen?
Grenzkontrollen wieder einführen?

Was sich aus den ersten Ermittlungsergebnissen der Pariser Polizei herauslesen läßt, ist die internationale Vernetzung der Attentäter. In diesem Zusammenhang fragt man sich ob wir in Europa nicht wieder unsere Grenzen kontrollieren sollten. Sicher würde dies für viele Reisende und für die international vernetzte Wirtschaft umfangreiche Einschränkungen bedeuten. Doch was ist uns wichtiger? Die Freiheit in einem gespaltenen Europa ohne Halt zu reisen oder eine Sicherheit die nur auf dem Papier steht, weil Kriegsgeräte quer durch die Republik gefahren werden? Heutzutage ist es schwer die Kommunikation zwischen Menschen zu kontrollieren. Dies gilt erst recht wenn diese abscheuliche Absichten hegen. Die Gründe liegen im nur schwer zu kontrollierenden Internet und den zu beachtenden Datenschutzgesetzen. De facto bleibt nur eine Konsequenz – die Wiedereinführung der Grenzkontrollen.

Ein Tag bevor sich die schreckliche Attentatsserie in Paris ereignete, kamen im Libanon 41 Menschen ums Leben. Auch hier wurden viele Menschen verletzt. Im Norden Iraks wurde am Samstag ein Massengrab mit den sterblichen Überresten von 78 Frauen gefunden. Von Trauer und Gebete las man nur wenig. Auch dies macht nachdenklich. Ein Grund mag die Entfernung sein. Doch die Flüchtlinge die den Terror aus ihren Ländern entfliehen und hunderte von Kilometer zurücklegen, führen diesen Gedanken ad absurdum.

 

Die Welt ist schön, wenn Du sie änderst!