Herr Raab wir müssen in die Werbung!

Dieser Monat ist ein Monat der Rücktritte. Blatter, Jauch, Gysi, Fitschen und nun auch noch der Stefan. In der Wertigkeit der genannten Personen hat der Letztgenannte für mich eine besondere Stellung. Auch wenn ich mich nicht gerade als Musterfernsehkonsument bezeichnen würde, war ich immer ein Fan seiner Sendungen.

Bereits im Dezember 1993 startete Raab im damalig aufstrebenden Musiksender VIVA mit Vivasion. In Gedanken sind mir  die aus dem Rahmen fallende Kulisse und die neue Art im Umgang mit den Gästen. Diese war in der damaligen Zeit völlig ungewohnt. Die Eingeladenen mussten auf Kinderstühlen Platz nehmen und der Zuschauer der Woche, schaute sich die 60-minütige Show mit einem aus der Kulisse ragenden Kopf an. Wer Gast bei Raab war, durfte nicht dünnhäutig sein. Damals war wie heute war dies ein Kritikpunkt an seinem Fernsehschaffen.

tvtotal_ticketMit 28 Jahren, war diese Sendung für mich etwas Besonderes. Ich bewunderte den chaotischen Humor und den unbefangen Umgang mit Musikinstrumenten. Die Standardsendungen, sahen trotz des 9 Jahre vorher gestarteten nicht öffentlich-rechtlichen Fernsehens, immer noch gleich aus. Alles war geprobt, meistens aufgezeichnet und Musik wurde  nicht live gesungen. Da setzte Raab mit seiner Unterhaltung neue Maßstäbe. Seine Ukulele wurde zum Markenzeichen. Nichts war abgesprochen, sein Humor war frei und unkonventionell. VIVAsion sollte zu meiner Stammsendung werden.

Bevor er 1999 zum privaten Sender Pro7 wechselte,  gab es auf VIVA noch die Sendung „Ma‘ kuck’n“. Letztendlich war dies eine Persiflage auf die Samstagsabendshows der Öffentlich-Rechtlichen. Live zu singen war Pflicht und die Moderationen waren generell improvisiert. Auch das machte die Sendungen einzigartig und unverwechselbar.

Den Spaß an der Musik, verband er steht’s mit den Inhalten seiner Sendung. Diese waren bei weitem nicht nur zynisch, sondern auch immer wieder medienkritisch und politisch. Unvergesslich zum Beispiel der „Maschendrahtzaun“. Aus dem Ausschnitt der Trash-TV-Sendung „Richterin Barbara Salesch“, bei der sich eine Frau über den fürchterlich kaputten Zaun und dessen Verursacher den Knallerbsenstrauch aufregte, wurde ein kultverdächtiger Hit. Unvergessen ist ebenso der Auftritt bei der „Goldenen Stimmgabel“ 1995. Dort bewegte er aus Protest gegen das verordnete Playback seine Lippen nicht. Stattdessen machte er seine Späße mit dem Publikum und grinste dabei fröhlich in die Kamera. Mit diesen und anderen Fernsehauftritten, veränderte er die Fernsehlandschaft. Für die Freunde des Bestehenden war er ein Provokateur des privaten Fernsehens. Für Menschen die sich über diese Veränderungen freuten, wurde er zum Kult.

Der nachfolgende Auszug aus seinem Musikschaffen, zeigt Songs die mir aus verschiedenen Gründen im Gedächtnis geblieben sind :

1994 Böörti, Böörti Vogts Stefan Raab
1995 Ein Bett im Kornfeld Stefan Raab und die Bekloppten
feat. Jürgen Drews & Bürger Lars Dietrich
1996 Hier kommt die Maus Stefan Raab
1996 Sexy Eyes Bürger Lars Dietrich
1996 Ich mache nur noch Volksmusik Stefan Raab
2000 Der Karl, der Karl, der Moik Stefan Raab
2000 Ho Mir Ma Ne Flasche Bier Stefan Raab-DJ Bundeskanzler
2000 Maschendrahtzaun Stefan Raab feat. Truck Stop
2001 Ich liebe deutsche Land Verna Mae Bentley Krause
2002 Gebt das Hanf frei Stefan Raab, Shaggy
2004 Space Taxi Stefan Raab
2014 Wir kommen, um ihn zu holen Stefan Raab

Etwas fehlt in dieser Auflistung? Natürlich, Raabs Engagement für den Eurovision Song Contest. Der Eurovision Song Contest ist der größte Musikwettbewerb der Welt. Raab kamen zwei Dinge entgegen. Die Form des Wettkampfes und die Pflicht zum Live-Singen. Was er nicht mochte, war die altbackene Struktur des Wettbewerbs. Raabs Kampfgeist und die Liebe zum Musikmachen veränderten den Wettbewerb. Was folgte waren 10 Jahre Engagement für dieses Ereignis, welches mit einem großartigen Erfolg belohnt wurde. Mit Freude erinnere ich mich an das Auftreten von Guildo Horn 1998 in Birmingham. Guildo Horn schnitt die ersten alten Zöpfe mit „Guildo hat euch lieb“ ab. Raab war Komponist und Texter des Songs und brach mit seinem unnachahmlichen Humor eine deutsche Tradition. Ein Dauerabonnement für die Eurovision-Teilnahme hatte damals Ralf Siegel. Raab setzte sich wieder einmal durch und trat anschließend unter dem Synonym „Alf Igel“ auf.

Im Jahr 2000 wollte er es dann allein wissen. Raab wagte und siegte fast. Platz 5 für Deutschland mit Wadde hadde dudde da. Die Veränderungen durch diese Teilnahme waren nicht mehr aufzuhalten. Der Wettbewerb wurde moderner und frischer. 2004 folgte dann Max Mutzke. Er wurde von Raab entdeckt und schrieb für ihn den Text und die Musik. Platz 8 war der Lohn für Raabs Verständnis, Musiker zu entdecken die sich frei entfalten können, ohne sie auszunutzen. Damals konnte ich an dem Vorentscheid als Zuschauer teilnehmen. Es war ein überzeugender Beweis des Willens, Wettbewerbe zu gewinnen. 2010 schloss sich der Kreis. Das jahrelange Engagement für den Eurovision Song Contest wurde belohnt.. Nicht nur für mich ging ein Traum in Erfüllung. Seit 1974 schaute ich immer diesen Wettbewerb. Einmal wollte auch ich den Sieger zujubeln und auf dem Punkteboard Deutschland als erstes stehen sehen. Lena Meyer Landrut holte mit dem Song „Satellite“ den ersten Platz. An diesem Tag war ich in Hannover. Es war Lenas Heimatstadt. Ich ahnte das dieser Song gewinnen würde….

eurovision_2011_v12011 konnte ich mir dann meinen Traum verwirklichen und einmal beim Eurovision Song Contest als Zuschauer dabei zu sein. Zu verdanken habe ich es unter anderem Stefan. Für seinen Mut, für sein Gespür für das richtige zur rechten Zeit. Unvergesslich bleibt unter anderen das Opening mit Anke, Judith und Stefan,. Mehr Freude an der Musik und den Wettbewerb Eurovision Song Contest kann man nicht ausstrahlen.

2011 holte Lena dann einen 10 Platz. Roman Lob 2012, mit „Standing Still“ und Stefan Raab als Produzent den 8. Platz.

Seit 1999 moderiert Stefan die Sendung TV-Total. Es sind nun nur noch wenige Tage bis zur letzten Sendung. Nationale wie internationale Gäste gaben sich die Klinke in die Hand. Nach den grandiosen Openings folgten Talks mit Freund, und wie mancher meinte auch „Feind“. Ob Raab sich vorher über sie lustig machte oder nicht, gekommen sind sie fast alle. Sie kamen weil sie die Art des Humors verstanden. Es ging nicht um die Person an sich, sondern um den Menschen wie er sich in der Öffentlichkeit präsentierte. Und das war der große Unterschied, den so mancher Kritiker bis heute nicht erkannt hat. Raab wusste, dass Menschen sich die sich uns im TV, Radio oder auf der Bühne präsentieren, auch Kritik in Form von Satire aushalten müssen. In den letzten Jahren verlor die Sendung zwar an Performance, dennoch blieb ich ein treuer Zuschauer. Erstaunlich fand ich bis zum Schluss, den großen Anteil des jugendlichen Publikums.

Was ich besonders an ihn schätze, ist seine unkonventionelle Art mit Problemen umzugehen. Als eine Medienanstalt 2008 vor Gericht die Wok-WM 2008 als Schleichwerbung bezeichnete, griff man zu einem simplen Trick. Von nun an wurde am Bildschirm die Sendung als „Dauerwerbesendung“ gekennzeichnet. Angesichts der unzähligen Youtube-Werbevideos, die heutzutage in Form von Hauls millionenfach ohne Kennzeichnung konsumiert werden, wirkt dies im Nachhinein fast lächerlich.

Neben den schon erwähnten , gab es noch jede Menge andere Events. Persönlich konnte ich am TV-Total Turmspringen, den Bundesvision Song Contest und der TV-Total Autoball WM/EM als begeisterter Zuschauer dabei sein. Alle 52 Ausgaben von „Schlag den Raab“ habe ich gesehen. Die Faszination dieser Sendung war, der Fernsehmensch Raab mit seinem unbeschreiblichen Siegeswillen. Außer den von der Internet-Gemeinde als „Hass-Martin“ abgestempelten Gegner, wurden die Kandidaten immer fair behandelt. Ein großer Unterschied zu so manchem TV-Programm.  Es hat in dieser Zeit viele Nachahmer gegeben. Die Qualität von „Schlag den Raab“ hat bisher niemand erreicht.

Respekt vor der Entscheidung dem TV-Leben Abschied zu sagen. Es gibt nur wenige die wissen, wann es an der Zeit ist zu gehen. Wetten daß? Im Überschwang seines TV-Lebens, vergaß er manchmal das wichtigste im privaten TV-Geschäft und musste von der Regie höflich ermahnt werden:

Herr Raab wir müssen in die Werbung!

 

 Die Welt ist schön, wenn Du sie änderst!