Ein halbes Jahrhundert – 2005 bis 2015

Am 25.09.2005 war es soweit. Über ein Jahr hatte ich für diesen Moment trainiert. Mein erster Marathon. Es schien, als wollte ich den gesundheitlichen Problemen davon laufen. Wenn ich die Laufschuhe anzog, vergaß ich all die Schmerzen die meine Haut verursachte. Daraus schöpfte ich Mut für etwas Neues. Ich wechselte in ein anderes Unternehmen. Es gab mehr Geld und der Stress ließ nach. Dennoch blieb das gesundheitliche Problem. Der befristete Vertrag lief ein Jahr später aus. 24 Jahre nachdem ich diesen Beruf ergriffen hatte, fand die Karriere als Koch ein vorzeitiges Ende.

Müde vom Kampf, wollte ich unbedingt neue Wege gehen. Auf mich allein gestellt, nahm ich diese Herausforderung an. Doch die Berliner Mühlen der Bürokratie mahlten zu diesem Zeitpunkt, unerträglich langsam. Termine bei der Arbeitsagentur, gab es nur über das Call-Center. Nach 3 Wochen erhielt man dann eine Einladung, die darüber informierte, dass der Termin in 3 Wochen ist. Es gab in regelmäßigen Abständen ärztliche Untersuchungen ohne auch nur ein Ergebnis zu erhalten. In meiner Not wollte ich ein Praktikum in einem Callcenter machen. Dies sprach ich bei einem der Termine in der Agentur an. Eine Entscheidung bekam ich jedoch nicht. Ich machte dann für eine Woche das Praktikum auf eigener Faust. Schnell stellte ich fest, dass diese Tätigkeit nichts für mich ist. Der Staat verurteilte mich für diese Eigeninitiative, ein Jahr später wegen Betruges.

Als ich nach 9 Monaten, von der Arbeitsagentur gesagt bekam, dass sie aufgrund meiner langen Berufsarbeitszeit nicht mehr für mich zuständig sind, verstand ich die Welt nicht mehr. 9 verlorene Monate. Von der Rentenversicherung wurde ich alsbald zur Kur entsandt. Zeitgleich verließ ich Berlin und ließ dieses Bürokratiemonster hinter mir. Mein Vater ersparte mir den Weg zurück und so erwartete ich im Mai 2007, meine Möbel in Regen im Bayrischen Wald . Schon am zweiten Tag meiner Ankunft ging ich zur Agentur für Arbeit. Man begrüßte mich persönlich, obwohl ich nur nach einen Termin fragte. Doch was dann geschah, war ein sehr bewegender Moment. Eine junge Frau fragte mich am Counter: „Wann möchten Sie denn kommen?“.

2007 - Berlin Marathon
2007 – Berlin Marathon

Alles ging daraufhin sehr schnell. Nach dem Termin in der Arbeitsagentur, folgte ein weiterer in Landshut bei der Deutschen Rentenversicherung. Nach nur 3 Wochen erhielt ich eine Einladung nach Nürnberg. In zwei Wochen musste ich beweisen, dass ich mit 41 Jahren noch in der Lage war, etwas Neues zu lernen. Mit zitternden Händen, öffnete ich wenige Wochen später den Brief der über meine Zukunft entscheiden sollte. Als ich das Wort „genehmigt“ las, waren alle vergeblichen Bemühungen und Kämpfe der letzten Jahre vergessen. In meinem Leben hatte ich das Land Bayern und seine politischen Köpfe immer hart kritisiert. In Berlin legte man mich zu den Akten. In Bayern bekam ich eine neue Chance um beruflich noch einmal durchzustarten. Dafür werde ich diesem Bundesland immer dankbar sein.

Wenig später ging ich nach Nürnberg und lernte wieder zu lernen. Was mir damals in der Schule Probleme bereitete, empfand ich nun als Glück. Ich wohne in einem Internat. Es bietet Platz für mehrere Hundert Bewohner. Es wird das „Blaue Haus“ genannt. In meiner Klasse sind Menschen mit ähnlichen Lebensgeschichten wie meine. Es gibt aber auch jede Menge junge Leute, denen so manche Erfahrung, die ich schon gemacht habe, noch bevorsteht. Eines haben wir jedoch alle gemeinsam. Jeder hat schon einmal die andere Seite, eines gesunden Körpers erlebt.

Ich werde zum Klassensprecher gewählt. Ich fühle mich geehrt, möchte das wegen der beruflichen Vergangenheit aber eigentlich überhaupt nicht. Wenige Monate später, trete ich dahin, wo ich mich am wohlsten fühle – in der zweiten Reihe. Beim Lernen folgt ein Erfolg auf den Anderen. Manchmal muss ich von den schnell gefunden Freunden ermahnt werden, damit ich nicht überheblich werde. Und ich werde es nicht, denn sie haben Recht. Ich lerne eine junge Frau kennen. Auch sie trägt ihr Schicksaal. Manchmal sitzen wir beieinander und erzählen uns unsere Geschichten. Was ich besonders an Ihr schätze, ist die Fähigkeit Kritik zu üben ohne das es für mich unangenehm ist. Es entsteht eine Freundschaft, die bis heute hält.

Gemeinsam lernen wir mit Anderen am Abend. Wir sind ständig in Nürnberg unterwegs und unternehmen viel. Inzwischen gefällt es mir in Nürnberg so gut, dass ich am Wochenende nicht mehr nach Regen fahre. Ich löse meine Wohnung auf und darf meine Möbel in einem Schloss bei Passau unterstellen. Als Miete bezahle ich einen minimalen Betrag an die Schloßherrin. Das „Blaue Haus“ hat viel zu bieten. Sogar eine eigene Schwimmhalle ist für uns vorhanden. Im April 2008 laufe ich meinen 5. Marathon in Linz. Ich habe längst Abschied genommen von Parteistrategien – und ideologien. Daher wende ich mich politisch den Piraten zu. Es ist eine kleine Partei die den meisten Menschen noch unbekannt ist. Doch ich bin vom ersten Wahrnehmen davon begeistert, wie viele junge Menschen sich in dieser Partei engagieren. Erst in den nächsten Jahren wird man diese Partei zur Kenntnis nehmen.

2009 - Tropical Island
2009 – Tropical Island

Am 28. September 2008, verlor die CSU ihre absolute Mehrheit in Bayern. In Nürnberg hatte ich die Chance genutzt und an den verschiedenen Wahlkampfveranstaltungen der Parteien teilgenommen. Man spürte, dass die Menschen Veränderungen wollten. Veränderungen warteten auch auf mich. Meine rumänische Freundin kam ein weiteres Mal nach Nürnberg und die Fortbildung ging so langsam zu Ende. Durch den Bildungsträger wurde ich intensiv bei der Arbeitssuche unterstützt. Ich hielt das beste Zeugnis meines Lebens in den Händen. Doch mit 44 Jahren und einen neuen erlernten Beruf, indem ich keine Berufserfahrung vorweisen konnte, wartete eine weitere Herausforderung auf mich.

Am 9.6.2009 kam für das Versandhaus Quelle das Aus. Das Unternehmen hatte seinen Sitz in Nürnberg. Mit einem Schlag waren mehrere hundert Mitkonkurrenten auf dem Arbeitsmarkt. Ich zog aus dem Internat aus und hatte ein 20 m² großes Zimmer bezogen. Der Tag begann morgens um 6.00 Uhr. Ich durchforstete die neuesten Stellenanzeigen. Nach der Selektion der in Frage kommenden Angebote, schrieb ich 4 Bewerbungen am Tag. Um 17.00 Uhr war der Tag zu Ende. Trotz intensivem Coaching, das ich noch immer durch das Berufsförderungswerk erhielt, kam die erlösende Nachricht nicht. Es gab immer wieder Vorstellungsgespräche und Mitteilungen in Form von Zwischenbescheiden und Absagen. Jede Ablehnung meiner Bewerbung, war für mich eine Kampfansage. Statt Frust, weckten die Absagen in mir die Lust auf den Erfolg.

Nach 3 Monaten lief die Unterstützung durch die Rentenversicherung aus. 150 Bewerbungen waren in den letzten Wochen schon zusammen gekommen. Ich wollte unbedingt in Nürnberg bleiben, da ich diese Stadt lieben gelernt hatte. Doch ich musste meine Strategie ändern. Bewerbungen schrieb ich fortan bundesweit. Inzwischen kam ich nicht mehr an den Tatsachen vorbei. Ich musste das ungeliebte Arbeitslosengeld II beantragen. Auf dem Arbeitsamt, hatte mir die zuständige Sachbearbeiterin Stellen herausgesucht. Ich sah die Adressen und zog meine Unterlagen mit meinen Bewerbungen. Es folgten ratlose Blicke. Jede von ihr genannte Adresse, hatte schon die Unterlagen von mir bekommen.

Der Antrag für die Unterstützung war ausgefüllt und so ging ich pünktlich zum Termin. Der Sachbearbeiter hatte auf dem Sessel Platz genommen und die Statur eines Buddhas. Er verweigerte mir die Bezahlung von 50,00 € monatlicher Vermittlungsgebühr an die Maklerfirma. Meine Miete für das kleines Zimmer plus die von ihm verweigerte Gebühr, war in der Summe noch immer viel billiger, als eine ganze Einzimmerwohnung. Als ich ihn fragte, was ich denn machen solle, sagte er nur, dass ihm das nicht interessiere. Ich war somit gezwungen, auf Wohnungssuche zu gehen. Dabei hatte ich mich bereits entschlossen, maximal flexibel zu sein und überall hinzugehen, wenn ich nur in meinem neuen Beruf arbeiten kann. Doch es gab keine Wohnung. Sobald ich das ALG II erwähnte, war es vorbei.

2012 - Zum ersten Mal auf Kufen
2012 – Zum ersten Mal auf Kufen

Ich ging zur Stadt Nürnberg. Der nette Herr sah meine Tränen und tröstete mich mit den Worten – „Es kommen auch wieder bessere Zeiten“. Dann füllte er einen Zettel aus und schickte mich zur Heilsarmee. Es war der schwärzeste Tag in meinem Leben. In den letzten Jahren hatte ich alles unternommen um wieder auf die Beine zu kommen und dann gab es als letzte Option nur die Obdachlosigkeit. Ich ging zurück in mein Zimmer und kämpfte ein paar Tage mit meiner Traurigkeit. Das bekam meine Vermieterin mit, die gerne einmal nach den rechten sah. Die alte Frau setzte sich auf den Fahrrad und fuhr zur Vermittlungsagentur. Es fand sich eine Regelung und ich durfte bleiben. Auch diesen Menschen, werde ich immer dafür dankbar sein.

Inzwischen erreichte mich ein Anruf aus Bonn. Herr Mögelin haben sie noch Interesse? 100 Bewerbungen davor, hatten wir schon einmal geschrieben. Es hatte knapp nicht gereicht. Man wolle sich wieder melden, wenn es ein neues Angebot gibt. Im Gegensatz zu den vielen Versprechungen vorher, hielt man Wort. Am Ende waren es 300 Bewerbungen als ich die Zusage erhielt. Die Stelle war in Berlin und ich kehrte in meine alte Heimat zurück. Die Mauer war verschwunden. An ihrer Stelle konnte man jetzt vereinzelte weiße Striche finden.

Nur zwei Jahre später, Veränderungen schreckten mich schon lange nicht mehr, stieg ich in den Flieger um Berlin erneut zu verlassen. Seit 2012 lebe ich nun in Bonn und wundere mich immer noch, mit welcher Freude die Menschen den Karneval entgegensehen. Seit 2014, schreibe ich in meinen Blog 04091965.de über Themen die mich bewegen. Oft sitze ich 8 Stunden an einem Beitrag und recherchiere stundenlang über ein Thema um dann mit meinen eigenen Worten zu beschreiben, wie ich darüber denke. Unabhängig zu denken, festgefahrene Gleise durch Worte zu verbiegen, all das habe ich über die Jahrzehnte gelernt. Im Gegensatz zu den ersten Lebensjahrzehnten, freue ich mich auf das Neue, das Unbekannte. Ich bin gespannt wie es weiter geht.

Für meine Eltern und Brüder. Für meine Freunde und alle die mich in den letzten 50 Jahren unterstützt haben.

Frank