Ein halbes Jahrhundert – 1965 bis 1974

1966 - Stolze Mama
1966 – Stolze Mama

Kaum war die Hochzeit im März 1965 vergangen, kam auch schon die nächste Überraschung. Ich habe Karten für Louis Armstrong! Wer bitte ist das fragte sie? Das ist ein amerikanischer Jazzmusiker der die DDR besucht. Begeistert war sie nicht gerade. Jedenfalls konnte ich als im Mutterlaib heranwachsendes Kind, keine großen Emotionen verspüren. Am 20.03.1965 war es dann soweit. Zu dritt erlebten wir im alten Friedrichstadtpalast den amerikanischen Jazzkönig. Von dieser ständigen Herumtanzerei wurde mir ziemlich schwindelig. Zum Schluss des Konzertes waren alle begeistert. So schnell, sollten wir nicht mehr die Möglichkeit bekommen, ein Konzert eines amerkanischen Künstlers zu besuchen.

Große Ereignisse werfen ihre Schatten in der LKW-Stadt voraus. Erst lief am 17. Juli 1965 der erste W50 vom Band und am 4. September war ich auf einmal da. Da musste ein Beruf in der KFZ-Branche eigentlich vorprogrammiert gewesen sein. Doch das spätere Leben, wollte es anders.

Nun war ich also auf dieser Welt. Einer Welt in dem ein Land durch eine Mauer getrennt war. „Antifaschistischer Schutzwall“, sagten die oberen zur ihr. Bevor ich mich durch lauten Protest diese Welt anschaute, schleppte sich meine Mutter die Treppen zum Krankenhaus in Ludwigsfelde hinauf. Wenige Stunden später, bekam ich dafür die Quittung. Bevor ich meinen richtigen Namen erstmals in eleganter Babysprache übermittelt bekam, hatte ich den Titel „Wonneproppen“ verliehen bekommen. Eigentlich sollte ich schon 4 Wochen eher auf der Welt sein. Aber offensichtlich hatte sich da jemand verrechnet oder es war das erste Beispiel in meinem Leben, dass Planwirtschaft in der DDR nicht immer funktionierte.

Ein halbes Jahr nach meiner Geburt, eine Tournee von Rex Gildo wurde gerade nach einer Testveranstaltung abgesagt, musste ich mich an eine neue Umgebung gewöhnen. Auf ging es in das wunderschöne Münchehofe im Kreis Königs-Wusterhausen. Der Grund des Wechsels war damals wie heute ein ziemlich vergleichbarer. Während im Westen Deutschlands die Frau noch ins Haus gehörte um dem Mann Abends das Essen zu servieren, wollte meine Mutter schnell wieder die Arbeit aufnehmen. Allerdings gab es die Möglichkeit eines Krippenplatzes nur am neuen Wohnort. Während meine Eltern die ländliche Verkaufsstelle des Ortes führten, konnte ich mich vergnüglich in einer Kinderkrippe amüsieren. Mein Vater versuchte inzwischen mit Erfolg, sein bis 1962 in der Bundesrepublik erlerntes Verkaufswissen auf die sozialistische Wirtschaft zu übertragen. 1967 kam dann ein weiteres Familienmitglied hinzu. Mein erster Bruder war da und mit ihm am Ende des Geburtsjahres, die „Mark der Deutschen Demokratischen Republik“.

1967 - Sicher vor dem Bruder
1967 – Sicher vor dem Bruder

Völlig pflegeleicht, stand ich nun erst einmal nicht mehr allein im Mittelpunkt. Das kann einen zweijährigen natürlich mächtig zu schaffen machen. Erst als mein Bruder Lust hatte, mal hin und wieder mit mir zu spielen und ich ihn als Dank ein wenig ärgern konnte, verflog der Unmut. Während wir als Kinder in einem ruhigen Dorf aufwuchsen, marschierte der Warschauer Pakt in die CSSR ein um den „Prager Frühling“ mit militärischen Mitteln zu beenden. Die Führung meines Landes wollte auch gern dabei sein und war nach der Absage des Oberkommandierenden des Warschauer Paktes ziemlich beleidigt.

Willi Brandt ist Ende Oktober 1969 gerade Bundeskanzler geworden, da ereilte uns die Nachricht das Bruder Nummer zwei unterwegs ist. Anfang März 1970 waren wir dann als Familie komplett. In Münchehofe verbrachten wir noch 2 unbeschwerte Jahre zusammen. Ein Wasserstrahl aus einem Gartenschlauch mit eiskalten Wasser, lehrte mich dann zum ersten Mal, dass das Leben nicht immer mit Pflastersteinen aus Gold bestückt ist. Es ist der 09.03.1972. Eine kleine Sensation bahnt sich an. Zum ersten Mal gibt es Gegenstimmen in der Volkskammer der DDR. Bei der Verabschiedung einer Fristenlösung beim Schwangerschaftsabbruch entscheiden sich 14 Abgeordnete gegen diese Regelung.

Wenige Wochen danach beschließen meine Eltern, sich beruflich zu verändern. Ein Umzug wird unvermeidlich. Von nun an ist der Ort Waltersdorf, am Rande Berlins unsere neue Heimat. Wir beziehen eine sehr große Wohnung über einen Verkaufsladen. Fast ist es wie in unserem alten Dorf. Allerdings gibt es von nun an, einen Gegenpart in Form eines Leiters des Ladens, in dem auch meine Mutter tätig ist. Er mag Kinder. Nur nicht dann, wenn die sozialistische Einkaufsmöglichkeit, mit dem Namen „Konsum“ gerade geöffnet hat. Da mein Vater von nun an auswärts arbeitet, wurden mir schon früh die ersten Verantwortungen übertragen. Wenn die Zeit bei meiner Mutter nicht reichte, nahm ich meinen Bruder an die Hand und ging mit ihm allein in den Kindergarten. Anfang September 1972 war es dann soweit. Ich wurde ein Schulkind. Stolz trug ich die Zuckertüte nach Hause. 2 Wochen zuvor war in der Nähe unseres Wohnortes, ein Flugzeug mit 148 Passagieren an Bord abgestürzt.

In der Schulte läuft es prima. Es gibt Zensuren vom ersten Tag an. Auch gibt es Zensuren für die Soziale Kompetenz.

„Frank ist ein lebhafter Schüler des sich durch einen gesunden Ehrgeiz auszeichnet. Er ist in der Lage, das Gelernte selbständig anzuwenden. Zu seinen Mitschülern hat er einen guten Kontakt. Frank erhielt 1 Lob!“
1. Klasse Beurteilung Halbjahreszeugnis

1973 - Ganz in Familie
1973 – Ganz in Familie

Mit meiner Lehrerin bin ich sehr zufrieden. Sie versteht es perfekt auf einen einzugehen und einen aus die Reserve zu locken. Nur das Fach Sport mag ich überhaupt nicht. Unsere Schule ist mit Pappeln umgeben. Rundum grenzen sie den Schulhof ein. Auf der gegenüberliegenden Seite, gibt es den Schulgarten. Hier lernen wir schon früh die Gesetzmäßigkeiten der Natur lieben und achten. Mit gewissen Stolz verfolgten wir, wie Zuckererbsen, Kohlrabi und bunte Blumen heranwachsen. Auf der nur wenigen 100 Meter entfernten Autobahn, rauscht der Transitverkehr zwischen Ost- und Westdeutschland vorbei.

Am 01.08.1973 stirbt Walter Ulbricht während der 10. Weltfestspiele der Jugend und Studenten. Erst nachdem diese vorbei sind, darf offiziell getrauert werden. Inzwischen hat sich auch mein erster Bruder den Pflichten der Schule stellen müssen. Die Aufgaben im Haushalt werden zunehmend mehr, da meine Mutter einen neuen Berufsweg testet. Nur zu dumm, dass sie von nun an stundenweise die Hortbetreuung übernimmt….