Machtgezwitscher

Die Türkei ist seit Donnerstagabend von der Welt der 140 Zeichen abgeschnitten. Das ist für diejenigen, die die Welt der sozialen Medien nicht nutzen, keine besondere Nachricht. Während in Deutschland Twitter von nur 1,4 Mio. aktiven Usern genutzt wird, sind es in der Türkei annähernd 12 Mio. Menschen. Diese hohe Zahl resultiert aus der Tatsache, dass in den vergangenen Jahren die Pressefreiheit in der Türkei immer mehr eingeschränkt wurde.

Auf der von der Nichtregierungsorganisation „Reporter ohne Grenzen“ alljährlich veröffentlichten Jahresrangliste der Pressefreiheit, findet sich die Türkei 2013 gerade einmal auf den 143. Rang wieder. Als Begründung werden von der NGO vor allem die hohe Zahl von inhaftierten Journalisten genannt.

Gern werden missliebige Journalisten gefeuert, wenn Sie der vorgebenden Linie nicht entsprechen. Die Medienunternehmen in der Türkei, sind inzwischen so konzentriert, dass sie für die regierenden keine Gefahr darstellen. Umso mehr muss es den verantwortlichen Politikern um den Premier Erdoğan ärgern, wenn eine große Zahl von Menschen, keine Lust auf staatliche Bevormundung haben und den neuen Medien den Vorzug geben.

Die Hinwendung zu den sozialen Medien, bedeutet neben der unabhängigen Informationsbeschafffung, gleichzeitig die Chance seine Meinung frei und einen weit größeren Kreis von Menschen gegenüber zu äußern. Dies ruft gern auch in Deutschland den Einen oder Anderen auf den Plan, der aus unterschiedlichen Motiven heraus, die sozialen Medien kritisiert.

Das Negative besteht meiner Meinung nach darin, dass das Internet zu Oberflächlichkeit verleitet, zu spontanen Reaktionen, hinter denen kein langes Nachdenken steckt: Ich habe etwas gelesen, und sofort twittere ich dagegen oder darüber, und dann womöglich auch noch in falscher Grammatik.(Helmut Schmidt, Zeit Magazin 19.04.2012)

Dem Altkanzler sei diese Meinung gegönnt. So manchen Vertreter der „alten Medien“, sei jedoch gesagt, die Zeiten der One-Way-Medien sind vorbei. Ein aktuelles Beispiel dafür, ist das Verhalten des ZDF, gegenüber der Onlinepetition einer missglückten Fernsehsendung vom Moderator Markus Lanz.

Statt souverän Stellung zu nehmen, wurde man zunächst auf den Fernsehrat des ZDF verwiesen. Der sei schließlich als Anwalt der Zuschauerinnen und Zuschauer zu sehen. In der Antwort des Presserates hieß es unter anderem:

Ich gebe gerne zu, dass vorhandene Verfahren immer Möglichkeiten zur Verbesserung bieten; daran arbeitet der Fernsehrat auch gerade. Aber die Notwendigkeit einer Parallelinstanz für Beschwerden neben dem Fernsehrat kann ich nicht erkennen.“

Wie man lesen kann, dauert es noch ein bisschen, bis auch der letzte Medienvertreter versteht, dass es hier nicht um Notwendigkeiten von „Parallelinstanzen“ geht, sondern um die Kenntnissnahme von Realitäten. Mit den sozialen Medien ist man längst zum gleichberechtigten Teil der informellen 4. Staatsgewalt geworden.

Die Erkenntnis darüber, wird früher oder später für jeden verständlich werden. In meinen Augen ist das ein Prozess der ähnlich ablaufen muss, wie die Ablösung von Pferdetransporten durch Automobile oder die Erkenntnis der Musikindustrie um die Jahrtausendwende, dass Mp3-Dateien keine Killerapplikationen darstellen.

In der Türkei, hat man diese Tatsachen bemerkt und versucht wohl das Rad zurückzudrehen. Es stört den dortigen Regierenden, wenn sich Menschen schnell zu Demonstrationen finden können, indem sie dafür Facebook, Twitter oder ähnliche Dienste nutzen. Die offene Kritik über Strom-, Wasser- und Gasausfällen, Umbau des Gezi-Parks, das Gesetz über die verschärfte Internetkontrolle und die Korruptionsvorwürfe von Erdoğan-Vertrauten ist nicht erwünscht.

Aufgrund der Lage, bringen manche ein Abbrechen der EU- Beitrittsverhandlungen ins Gespräch. Ich bin mir nicht sicher, ob dies der richtige Weg ist. Denn nur wenn man redet, hinterlässt man keine geschlossenen Türen. Die anstehenden Wahlen sowie die Behauptung, es handele sich bei den Themen um eine alleinige Verschwörung von ausländischen Kräften, machen die Gespräche nicht einfacher.

Viele Twitternutzer in der Türkei haben der Zensur den kalten Daumen gezeigt. Es gibt viele technische Tricks die Sperre zu umgehen. Man kann Dank den dortigen Kommunikationsanbietern Tweets als SMS absetzen einen Proxy-Server verwenden oder einfach einen VPN-Client installieren. Viele User applizieren einfach einen anderen Social-Media-Dienst, der die Nachricht dann als Tweet verschickt. Dieses Vorgehen scheint äußerst erfolgreich zu sein. Allein am Tag nach dem Abschalten, wurden eine halbe Million Tweets aus der Türkei versendet.

Natürlich muss man bei der Beurteilung der Informationen sorgfältig sein. So sind die seit Tagen eingestellten Telefongespräche des Regierungschefs Erdoğan mit Vorsicht zu behandeln. Wer Telefongespräche mitschneidet und dann diese ohne Zustimmung der Beteiligten veröffentlicht, handelt dem Grunde nach, nicht anders wie diejenigen die Internetsperren veranlassen.

 

Die Welt ist schön, wenn Du sie änderst!

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